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The chestnuts of Lunigiana
Die Kastanientradition in der Lunigiana: vom Wald zum DOP-Mehl
Entdecken Sie die Welt der Kastanien in der Lunigiana: Alle Phasen und Praktiken, die es uns ermöglichen, eines der bekanntesten und geschätztesten Lokalprodukte zu verkosten

Die Kastanie trägt in der Lunigiana seit jeher den Beinamen „Brotbaum“, da sie jahrhundertelang die lokale Bevölkerung ernährt hat, insbesondere zu Kriegszeiten und während Hungersnöten. Aus diesem Grund widmeten sich die Einheimischen den Kastanienbäumen wie Gärten. Sie hegten und pflegten diese, eine Tätigkeit, die die ganze Familie miteinschloss und den Wechsel der Jahreszeiten markierte. 

Der Herbst stand ganz im Zeichen der Ernte der wertvollen Frucht. In dieser Zeit wurde eine Reihe von rituellen Arbeitsprozessen vorgenommen, um ein einmaliges Produkt seiner Art zu erhalten: das Kastanienmehl.

 

Kastanienbaumpflege und Kastanienernte
Castagneto ad Apella
Kastanienbäume in Apella- Credit:  Nicola di Gennaro- CAI Fivizzano

Anfang September begann man damit, die Kastanienbäume von kleinen Sträuchern wie Erika, Farnkraut und Wacholderbeere, die zu Füßen der Bäume wuchsen, zu befreien, deren nutzlose Schösslinge und trockenen Zweige ebenfalls entfernt wurden. 

Die Ernte begann gemäß der Tradition anlässlich des Fests zu Ehren von San Michele (29. September) und wurde mit kurzstieligen Rechen mithilfe der Frauen und Kinder ausgeführt, die die Kastanien in großen Flechtkörben einsammelten, die panieri oder cavagni genannt wurden.Diese wurden dann auf einem Esel oder von den Frauen transportiert, die die schweren Säcke bis zum essiccatoio (kleines Gebäude, in dem die Kastanien getrocknet wurden).

Der Gradile und seine Traditionen
L'essicazione nel gradile
Trocknen von Kastanien im Gradile- Credit:  Nicola Di Gennaro- CAI Fivizzano

Der Ort, an dem das Trocknen der Kastanien vorgenommen wurde, war der Gradile, ein kleines ländliches zweistöckiges Steingebäude, das sich mitten im Wald und in einer der Ortschaften befinden konnte und streng von den anderen Häusern abgetrennt war. Im Obergeschoss wurden die Kastanien auf Gitter gelegt, die es ermöglichten, dass der Rauch des im Untergeschoss entfachten Feuers die Frühte austrocknete, indem ihnen die Feuchtigkeit entzogen wurde, die ihre Konservierung beeinträchtigt hätte.

In dieser Jahrezeit wurde der Gradile zu einem Ort, an dem die Familie zusammenkam und dort mehrere Stunden verbrachte, da das Feuer bei der richtigen Temperatur brennen musste, nicht zu hoch, aber auch nicht zu niedrig, um die richtige Menge Rauch zu produzieren. Bis spät in die Nacht hinein hielten sich die Menschen mit veglie wach und erzählten und überlieferten die fole, Geschichten und Legenden, um sich die Zeit um die Ohren zu schlagen, das Ergebnis von Fantasievorstellungen und Populärtraditionen. Auch die jungen Frauen empfingen ihre Verehrer im Gradil, und wenn diese nicht zusagten, legte man sehr feuchtes Holz ins Feuer, um den Rauch zu steigern und den Gast zum Gehen „aufzufordern“.

Das Schälen der Kastanien
Pulizia con la vassora
Reinigung mit der Vassora- Credit:  Coop. AlterEco

Nach 25 war das Trocknen abgeschlossen und der Moment gekommen, die Kastanien von ihrer Schale zu befreien. Hierzu wurden verschiedene Techniken angewandt, unter anderem wurden die Früchte in einen Hanfsack gegeben, der dann auf einen Holzstamm geschlagen wurde. Die Kastanien konnten aber auch auf der Tenne ausgebreitet und von den pistadori geschlagen werden, die mazzaranghe verwendeten, geeignete Stöcke, die auch eingesetzt wurden, um den Boden festzustampfen. 
Dies alles reichte jedoch noch nicht aus: Um die Säuberung abzuschließen, wurde die baladura durchgeführt. Frauen, Männer und Kinder bewegten sich fort und stützten sich dabei auf den Schultern des anderen auf. Dabei sangen und tanzten sie mit Holzschuhen auf der Ernte. Die Kastanien wurden in großen Holztrögen gesammelt, den vassore, die die Frauen geschickt hin- und herbewegten, um Staub und Schmutz zu entfernen. Abschließend nahmen sie eine Auslese der Kastanien vor, die in einem corba genannten hohlen Baumstumpf gelagert wurden, und sortierten die schlechten aus. 

Wie wird das Mehl gemacht…

Die getrockneten und geschälten Kastanien wurden an einem trockenen Ort in Holzkisten gelagert, den madie, und zur rechten Zeit zur Mühle wurden. Die Kastanien konnten dann von November bis April in einer der vielen Wassermühlen in diesem Gebiet gemahlen werden. Diese waren mit großen Mühlsteinen aus Pietra azzurra ausgestattet, der in großen Mengen in dem Bach Bagnone vorkommt und perfekt zu diesem Zweck geeignet ist. So entstand das Kastanienmehl, das sich durch seinen süßen Geschmack und die borotalcatura charakterisiert, das heißt, dass sich dieses Mehl samtig anfühlt und schmeckt. 

Die Tradition heute
La Castagna Racconta Licciana
Die Veranstaltung La Castagna Racconta in Licciana- Credit:  La Castagna Racconta

Das Kastanienmehl der Lunigiana erhielt 2006 dank der orografischen Besonderheiten dieses Gebiets die europäische Auszeichnung Denominazione di Origine Protetta (geschützte Ursprungsbezeichnung). Aufgrund der verwendeten Kastanienvarietät sowie der mit alten Techniken ausgeführten Trocknung und Mahlung ist das Mehl mit seiner Süße und seinem Geschmack ein einmaliges Produkt. 

Um die Traditionen der bäuerlichen Welt wachzuhalten, wird jedes Jahr am zweiten und dritten Oktoberwochenende in Licciana Nardi die Veranstaltung La Castagna Racconta organisiert. Hier werden die alten Riten in Erinnerung gerufen  - von denen viele bis heute fortbestehen - und zahlreiche typische Produkte aus süßem Mehl angeboten. 

Wenn Sie hingegen einen Kastanienwald besichtigen möchten, der noch immer auf traditionelle Weise bewirtschaftet wird, empfehlen wir Ihnen die didaktische StreckeIl castagno racconta“ in Sassalbo (Fivizzano), die interessante Informationstafeln begleiten. 

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